5. Kapitel
But each time I tell myself that I that I can't stand the pain
but when you hold me in your arms I'm singing once again.
I said come on come on come on come on yeah take it
Take another little piece of my heart now baby
break another little bit of my heart now darling yeah yeah yeah.

~ Janis Joplin
: Piece Of My Heart


Opferhaft rannte Christl durch die verzweifelt labyrinthgleichen Gassen. Ihre wunden Füße wollten schon seit unzähligen Schritten halten, doch ihr lodernder Geist war rastlos wie der eines jungen Fohlens auf der Flucht. Es war, als würde nichts mehr Sinn machen und sie sich in diesem Nichts auflösen. Nur ein letztes Gefühl blieb – der unerträgliche, tiefe Schmerz, der all ihr Sein vernichtete. Johnny war in ihren Armen gestorben. Sein Blut klebte tropfend an ihren Händen.

Stunden noch lief Christl durch die leere regnerische Nacht, mit dem unerträglichen Wissen: dieser Schuss hätte ihr gegolten. Tot! Tot! Der Tod war ihr nah.

Die Blumen! Die Karte! Es war eine Falle, dachte Christl bei sich. Die Strafe für all die Sünden die sie, seit sie in der Stadt lebte, nicht gebeichtet hatte. Hatte sie wirklich gedacht all die Lust, ihre hemmungslose Unkeuschheit blieben vor Gott ungestraft? Wie konnte ich nur so blind sein? Was würde Florian denken? Sie hielt sich die Hände vors Gesicht. Hätte er mich gestern Nacht so gesehen... Knock, knock! In Christls Kopf hämmerte es.

Durchgefroren und völlig durchnässt öffnete Christl die schwere Eisentür zu einer kleinen Bar, intuitiv den leuchtend roten Buchstaben folgend. Rauch schlug ihr entgegen, das Licht war höllengleich abgedunkelt, aus alten überdimensionalen Lautsprechern dröhnte ein Trip Hop-Beat mit sakralem Bass.

Als Christl die Tür zu den Damen-Toiletten öffnete, schoss ihr der untrügliche Duft entgegen, den sie nur von zuhause, vom Stall kannte. Die Wände waren bekritzelt und beschmiert. Das Wasser rann nicht heiß genug über ihre schmutzigen Hände doch die Schuld blieb an ihr kleben wie an einer Nonne im Sommer.

Plötzlich wurde die Türe aufgestoßen. Zwei gutbürgerliche Herren, eng umschlungen schmusend, stolperten herein. Gierig rissen sich die beiden ihre weißgestärkten Hemden mit neckisch aufgestellten Polokrägen vom Leib. Christl war sich nicht sicher ob die Liebenden sie einfach nicht bemerkten oder ob sie sogar willkommene Zuschauerin bei diesem wild anmutenden Liebesspiel war.

Die Hände der beiden schienen überall gierig und fast grob den Körper des anderen zu ertasten. Gegenseitig öffneten sie sich ihre fest und eng ansitzenden Lederhosen. Unbewusst bemerkte Christl eine sinnliche Freude in ihrem Höschen beim Anblick der so wohlgeformten Pos, dieser zwei sich so begehrenden, fremden Männer.

Zügellos rangen die beiden Leiber noch einige Minuten küssend miteinander bis schließlich der Schönere mit dem Gesicht zur Wand zum Halten kam. Ohne zu zögern fasste sein Partner ihn von hinten und drang mit einem wilden, hengstgleichen Stoß in ihn ein. Christl wurde ganz schwindelig – von so etwas hatte sie ja noch nie gehört!

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So schnell wie sie gekommen waren, waren sie auch wieder verschwunden und Christl fand sich alleine mit ihrem Unglück zurückgelassen. Allein am Klo. Tropf tropf. Der Wasserhahn tropfte. Die Turmuhr schlug Mitternacht.

„Grüß dich Gott, Christl!"

Christl fuhr auf. Sie war doch allein.

Ruhig atmen. Tropf tropf.

Ein verrauchtes Lachen aus dem Winkel.

Verstört-erschrocken sah Christl sich um. In einer angepissten Ecke saß eine in weißes Leinen gekleidete Gestalt im Schneidersitz. Ein verschmitztes Lächeln leuchtete Christl entgegen.

„Que soy era Immaculada Conceptiou." Wieder ein heiseres, diesmal lautes Lachen.

Christl starrte erschrocken.

"Ach Christl..."

Lange, zerzauste Haare hingen brünett und leicht gewellt über die Wangen der frauengleichen Erscheinung. In die wirren Haarsträhnen waren kleine Holzperlen eingeflochten, die sich bunt vermischten mit den vielen Ketten, die ganz durcheinander vom schlanken Hals hinab baumelten.

„...du brauchst keine Angst vor mir zu haben – fürchte dich nicht." Die leuchtende Gestalt schwebte einen kleines Stück näher an Christl heran. „Ich habe dir etwas zu sagen, hör mir jetzt gut zu." Christl hing wie in Liebestrance an ihren schmunzelnden Lippen.

„Ich werde dir etwas sagen, das du dein Leben lang nicht vergessen sollst. Dir, nur dir alleine, kleines Landmädchen, sage ich es. Erstens, du sollst nie einen Gast tranklos lassen ... apropos", die Gestalt besann sich. „Willst du?" Sie hielt Christl ihre halbleere Flasche entgegen. „Whiskey?" Christl nahm einen männlichen Schluck. Ein heilig-heilendes Brennen rann ihre Kehle hinab.

Die weiße Frau räusperte sich: „Zweitens, du sollst nie etwas tun, das deinem guten Geschmack widerspricht." Die Turmuhr schlug eins. „Drittens, du sollst nur bereuen, wenn dein Herz dich dazu zwingt, und keinem scheinheiligen Gerede Glauben schenken." Die Turmuhr schlug drei. „Viertens, du sollst den Liebesschmerz spüren, um zu fühlen dass du lebst." Der Regen hörte auf.

Die Worte drangen in Christls Hirn und brannten sich in ihr Herz.

„Fünftens, du sollst mir einen Farbfernseher kaufen!" Der Hahn krähte.

Christl nickte ehrfurchtsvoll.

„Sechstens, du sollst nicht vergessen wo du herkommst." Die Sonne ging auf.

Christl erschauerte.

Die Gestalt blickte sie durchdringend an.

Christl erschauerte.

„Christl, Honig, ich werde immer um dich herum sein. Wenn du mich jemand willst, dann komm und wein, wein, Baby, yeah."

Christl sah zu Boden. Als sie wieder aufschaute, war die Gestalt verschwunden und ein letztes Leuchten verglühte im schummrigen Licht und verglühte wie ein lustiges Glühwürmchen im gleißenden Licht der Sonne.

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„Die Moni is! Die Moni von der Post!!"

Christl schlang ihre Arme ungläubig um den Hals der alten Freundin. Tränen kullerten über die Backen der Mädchen. Wie eine Nonne im Winter krallte sich Christl an die Moni. Erst jetzt fühlte sie den schmerzenden Stich des Heimwehs in ihrem wunden Herzen.

„Sog, wos mochst du do?"

„Jo mei..." Plötzlich erstarb das Lachen in Monis Gesicht und frische Tränen sprudelten wie Quellwasser aus ihren rehartigen Augen.

„Ich musste ... aber ich wollte doch nur ... ich wusste nicht... Jetzt hab ich alles verloren!"

„Ach Moni ... Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, nichts mehr zu verlieren zu haben..."


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