|
Leicht zu erlegen diese beiden, Das schlag dir lieber aus dem Sinn. Wer es versucht, der wird bescheiden, Sei′s Jäger oder Jägerin. ~ Wilhelm Busch: Beneidenswert
Christl kam es vor, als würde alles in Zeitlupe geschehen. Ganz langsam bewegte sich die Kugel auf sie zu, während noch dumpf der Knall an den Wänden widerhallte. Eigentlich sollte sie doch jede Menge Zeit haben, einfach einen Schritt auf die Seite zu treten, doch irgendwie konnte sie es nicht. Sie beobachtete das Geschoss, wie es durch einen in seinem Weg wachsenden Zweig krachte, mit blechernem Gong an einer Mülltonne abprallte, den Regenschirm eines Passanten durchstieß und weiter unaufhaltsam auf sie zuflog. Ein harter Aufprall, blutrotes Blut und ein gellender Schrei, von dem Christl erst später bemerkte, dass es ihr eigener war.

„Beruhig dich doch!" Fauna bemühte sich, ihrer Stimme einen beruhigenden Unterton zu geben. „Ich werde dir schon verzeihen." Endlich erlosch das Feuer der Verzweiflung zu einem schluchzenden Glühen.
„Sei doch nicht immer so hysterisch!" Doch gleich bereute Fauna ihre Bemerkung, denn schon sah sie frische Tränen in seinen Augen aufsteigen.
„Du mich umarmen!" kreischte Karl-Heinrich. „Du weißt, ich brauche das jetzt!" Mit einem tiefen Seufzer drückte sie ihn an ihre feste neue Brust. „Du weißt ja gar nicht, was für ein böses Mädchen sie war", fiepte er einem verletzten Vögelchen gleich in ihren von seinen Tränen schon ganz nassen Leoparden-Kashmirpulli.
„Doch", stieß sie leise hervor. „Ich weiß es ganz genau." In der Ecke lagen ihre achtlos hingeworfenen Cowboystiefel. „Ich werde das in meine rassige Hand nehmen", sagte sie mit ihrem unberechenbar gefährlichen Unterton. „Das Übel muss im Keim erstickt werden!"
„Häh?" winselte Karl-Heinrich welpenhaft. „Was hast du gesagt?"
„Schschschsch", zischte Fauna. „Nichts, nichts. Zieh dich jetzt aus!"

Christl erwachte, gerade als die mittäglichen Sonnenstrahlen ihr Näschen kitzelten und Aurelie in ihr Zimmerchen hüpfte.
„Gerade trugen mich meine emsigen Füßchen einer jungen Gazelle gleich aus dem Bade in Eure durchlauchten Schlafgemächer. Die Gutsfrau befahl mir, Euch die Wanne mit sprudelnd frischem Hochquellwasser zu befluten, damit Ihr Euren holden Leib beglücken könnt mit der Reinheit Freude. Sie trug mir auf, Euch zu bestellen: Ihr stinkt wie Sau!"

Christls Liebeswarzen ragten wie Inseln aus den Fluten, umspielt vom Schaum der Badewellen. Erhaben schmunzelnd dachte sie zurück an gestern Nacht. Plötzlich stand die Gutsfrau in der Tür. Wie im Rausch raffte Christl rasch den ganzen Badeschaum über ihre Liebesinseln. Die Gutsfrau betrachtete sie nachdenklich.
„Post für dich!" meinte sie kurz und stellte eine große Vase mit roten dornigen Blumen auf den Badetisch. Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Bad.
Wos hot's'n? dachte Christl. Dann bemerkte sie die Karte und zog sie zwischen den Blüten hervor.

Verwundert ging Christl im Kopf die Gäste des gestrigen Festes durch und überlegte, wer ihr geschrieben haben könnte. Ach, da gibt es viele, dachte sie bei sich. Christl drehte die Karte um und suchte nach einem Namen. Doch die Rückseite war bis auf das elegante Siegel des luxuriösen Innenstadthotels, in dem sie noch vor einiger Zeit genächtigt hatte, leer.
Johnny, schoss es ihr ein. Der weiße Kater war ihr gleich verdächtig bekannt vorgekommen! Woher hat er gewusst, dass ich auch komme?
Christl loderte danach, ihren neuen Verehrer zu treffen. Ein wunderbar warmes Gefühl stieg in ihr auf. Sie fühlte sich zufrieden und ganz vergessen waren die harten Stunden des Schmerzes der vergangenen Zeiten weit weg von dieser Stadt.

Fauna wartete schon seit Stunden, als endlich Christl das Haus der Gutsfrau verließ. Es war ganz einfach gewesen, die Adresse in Erfahrung zu bringen, in der High Society sprach sich so etwas schnell herum. Sicherlich würde sie von Christl nicht erkannt werden, die zwei geborgten weißen Möpse kaschierten gut ihren Glassteinmanufakturerbinnen-Look. Flotten Fußes folgte sie Christl.
Schau'n wirst du, du elendigliches Landflittchen! Mit Genugtuung befühlte sie den kalten Stahl in ihrem mit bunten Glastierchen besetzten Halfter. Fauna macht keine halben Sachen, dachte Fauna bei sich.
Es waren nur wenige Straßenzüge bis zum Hotel, die Christl beschwingten und Fauna entschlossenen Schrittes ihrem Schicksal näher führten. Fünfzehn Minuten vor drei erreichten sie den großen Prunkplatz vor der Lobby. Ungeduldig sah sich Christl um und ungeduldig fingerte Fauna an ihrem Halfter herum. Hinter einer Marmorstatue kauernd zog Fauna den mit pfirsichfarbenen Glassteinen besetzten Unisex-Revolver. Ihre Pupillen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen. Wie ein Jäger das Rehkitz peilte Fauna an.
Ein Stern, der deinen Namen trägt... rang es plötzlich aus ihrer Tasche. Verdammt, Karl-Heinrich, immer im falschen Moment!
Fauna legte die Waffe weg und suchte in ihrer modernen Kleintasche nach ihrem neuen Leopardenhandy.
„Was gibt's denn, Fröschchen?" fragte sie genervt. „Ich bin gerade beschäftigt."
„Na, eh nix. Wollt nur kurz deine Stimme hören und dir sagen: ich bin grad supernackt."
„Karl-Heinrich, jetzt nicht!" Sie legte auf.
Seine robbenbabyhafte Art ließ ihr Blut noch mehr aufkochen. Ein für allemal! Sie nahm die Waffe, zielte und schoss.
Christl kam es vor, als würde alles in Zeitlupe geschehen. Ganz langsam bewegte sich die Kugel auf sie zu, während noch dumpf der Knall an den Wänden widerhallte. Eigentlich sollte sie doch jede Menge Zeit haben, einfach einen Schritt auf die Seite zu treten, doch irgendwie konnte sie es nicht. Sie beobachtete das Geschoss, wie es durch einen in seinem Weg wachsenden Zweig krachte, mit blechernem Gong an einer Mülltonne abprallte, den Regenschirm eines Passanten durchstieß und weiter unaufhaltsam auf sie zuflog. Ein dunkler Körper warf sich zwischen sie und das tödliche Geschoss. Ein harter Aufprall, blutrotes Blut und ein gellender Schrei, von dem Christl erst später bemerkte, dass es ihr eigener war.
„Johnny!"
Seine Augen sahen sie überrascht an. Sein Leib sank schwer zu Boden und mit einem letzten „Christl" verhauchte sein Atem für immer. Faunas weiße Möpse verwandelten sich in die schwarzen Möpse des Todes.
|