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Als wenn sie sich gefunden hätten und nicht zusammenkommen könnten oder sich verlassen müßten wenn sie es nur besser wüßten. Vielleicht täuscht er sich in ihr und sie enttäuscht ihn hinterher und er wünschte, sie würd gehen und nicht zu ihm hinübersehen und sie wünschte, er wär nicht da. Er sieht sie an während sie ihn ansieht und er sieht zur Tür. ~ Fink: Er sieht sie an während sie ihn ansieht und er sieht zur Tür
„Schande!“ rief die Mutter.
Noch bevor Christl etwas erwidern konnte, rief die Mutter weiter: „Fromm und keusch wurdest du von deinem Vater und mir erzogen. Gott hat dir immer aus der Seele gelacht… doch jetzt scheint der Teufel über dich gekommen zu sein.
Mädls wie dich gab‘s so manche im Dorf und schau was aus ihnen geworden ist! Alle redn‘s über dich, alle!“
Damit wandte sie sich wieder ihrem Kuheuter zu. Zornig zog sie an den Zitzen. Dann hielt sie inne und rief über ihre Schulter: „Du weißt ja gar nicht was das für uns bedeutet! Man kann nicht so tun, als wär man allein auf der Welt!“ und nach kurzer Pause: „Von allen guten Geistern bist verlassen!“
Da platzte es in stürmischem Drang aus Christl heraus: „Welche Mädls meinst denn? Warst vielleicht selber so eins?“
Die Mutter blickte sie nur stumm an.
Christl richtete den grellen Lichtkegel der Schreibtischlampe auf ihr Gesicht: „Wer ist Mariandl und was weißt du alles über den Bürgermeister?“
Die Luft war voller Rauch in dem kleinen Zimmer und der Kaffee: bitter und kalt.
„Nichts. Nichts war da!“ stieß die Mutter mit zusammengekniffenen Augen aus. Und dann, dem Scheine trotzend: „Zumindest nichts was dich angeht.“
„Den Hof verlässt nur mehr mit Erlaubnis“, war ihr letztes Wort.
Das Mädchen sah hinab zur Mutter, wie sie da saß und wütend die Kuh melkte.*
„Ich geh jetzt“, sprach die Tochter langsam. „Ich muss zum Herrn Pfarrer.“
„Dann brauchst dich gar nicht mehr hier sehen lassen!“ kam sogleich die zornerfüllte Antwort.
„Dann hab ich ja keine Wahl mehr“, sagte sie und die wiederkäuenden Lippen der Kuh schienen genau dieselben Worte zu formen.
Mit einem lauten Muhen* verließ Christl den Stall.
17:07
In rauschender Geschwindigkeit fand sich Christl an der Tür zur Pfarre wieder. Kurz verharren, Schweißflecken trocknen, zu Atem kommen. Dann konnte sie eintreten. Mutig sah sie dem alles entscheidenden Moment entgegen. Würde er doch seine Liebe beteuern? Oder nicht; dann zurück zum elterlichen Hof? Nie!
Noch als sie in Gedanken hing, öffneten sich die Pforten und Florian spelunkte durch den Türspalt.
„Wie lange wartest du schon da?“ und „Hat dich jemand gesehen?“ Unsicher blickte er sich um. Als er niemanden sah, sagte er ohne sie anzublicken: „Christl das geht nicht mehr, wir dürfen uns nicht mehr sehen.“
„Aber Florian…“ stöhnte Christl.
„Nein!“ Florians Miene verzerrte sich zu einer schmerzverzerrten Miene. Wie in Trance fuhr er fort: „Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.*“
Die Tür knallte zu und plötzlich stand Christl wieder alleine da. Die geringe Hoffnung, die noch vor ein paar Minuten in ihr gelodert hatte, war gewichen und Christl hockte noch stundenlang vor dem Hintereingang der Pfarrei. Vielleicht waren es nur endlose Minuten, die vergangen waren, bis sich Christl erhob und kraftlos davonschwankte.
Getrieben von innerer Unruhe und vollkommen in Gedanken vertieft streifte Christl durch das Dorf. Wie konnte das alles nur passieren? Wie konnte sie sich nur so ausnutzen lassen? Und wie konnte er jetzt nur so heuchlerisch sein wo er vor einigen Tagen noch ihrem willenlosen Körper das Kleid vom Leib gerissen hatte? Pater Florian ist so ein Arsch!
Müde ließ sich Christl schließlich auf eine Bank am Rande des Ortes fallen. Innerhalb weniger Tage hatte sie alles gewonnen und alles verloren, ihre Familie, ihren Glauben und – Florian. Alles was sie noch besaß trug sie am Leib. Und ihr einziges Ziel war die Flucht war ihr einziges Ziel.
18:42
Als sie Jakob über die Weide streichen sah, merkte sie plötzlich, dass er wahrscheinlich der einzige war, der nicht über sie urteilen würde. Sie beobachtete ihn. Wie so oft spielte er vertieft auf seiner Mundharmonika. Impulsiv lief Christl zu ihm und schüttelte seine Schulter, bis er endlich sein Spiel unterbrach und ihr einen inhaltslosen Blick schenkte.
„Jakob, du musst mir helfen! Kannst du mich zum Bahnhof fahren?“ Christl wußte, dass die Chancen nicht gut standen, dass Jakob sie heute überhaupt wahrnehmen würde.
„Wieso?“ murmelte er auf.
„Ich will weg hier, in die Stadt. Ich hab all mein Glück verloren. Hier werd ich niemals Heil finden können“, sprudelte es aus Christl hervor. Und weil sie wusste, dass Jakob es niemals erzählen würde, fuhr sie fort: „Ich lieb den Florian, den Pater. Er nahm mich in der Kirche und jetzt bin ich ihm hold. Unsere Liebe ist verboten – im ganzen Dorf geächtet. Und auch er ächtet sie. Jetzt hab ich nichts mehr.“
Jakob sah sie schräg an. „Wart hier!“ deutete er schließlich, drehte sich um und verschwand.
10:23
Würde er wiederkommen? Hatte er überhaupt verstanden, was Christl da gesagt hatte? Es war schon dämmrig, und Christl hatte schon ihr Lager aufgeschlagen und es sich häuslich eingerichtet, als plötzlich Jakob mit seinem Karren um die Ecke bog.
Wortlos stieg sie auf und ohne auch nur eine einzige Frage zu stellen fuhr Jakob Christl zum Hauptbahnhof im nächsten Ort. Christl kletterte vom Wagen. „Wart!“ murmelte er ihr hinterher. Zum letzten Mal wandte sich Christl um. „Hier“ Jakob streckte ihr einen prall gefüllten Rucksack entgegen. Dann kramte er tief und lang in seinen Taschen und reichte ihr ein Bündel Geldscheine. „Für dich, vielleicht würd der Johann jetzt noch leben wenn ich damals auch, so wie du, einfach verschwunden wär.“
Was möchte er nur damit meinen? Doch noch bevor Christl Jakob Fragen stellen konnte war er auch schon dahin.
23:13
Christl wandte sich um, ihrer neuen Zukunft entgegen.
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