7. Kapitel


Noch immer glänzte sein Liebesschweiß auf ihrer Haut, sein Duft lag auf ihrem Körper als wäre es erst gestern gewesen. Seit der vorletzten Nacht schlug ihr Herzlein, als wollte es aus ihrer Brust springen. Die Spätsommersonne glitzerte auf den schimmernden Rücken der Bachforellen. Die schillernden Rücken der Regenbogenforellen funkelten farbenfroh zurück. Die kleinen Marienkäfer auf den Gräsern schwankten im sanften Abendwind leise hin und her. Schwerelos tanzten die Früchte der Pusteblume, schlank und tonnenförmig, mit haarigen Flugschirmen ausgestattet, durch die Luft. Alle Vöglein waren noch da, um Christls und Florians Liebesmelodei in die Welt hinaus zu zwitschern.


Baby I want you come, come, come into my arms

Let me feel the wonder of all of you
Could it be magic now, now, now and hold on fast
Could this be the magic at last
~ Take That: Could it be Magic


Verschmitzt saß Christl auf der Kirchenbank. Nie wieder würde sie dem Abbild des Heilands in die Augen sehen können, ohne dass ihr tiefes Innerstes aufschmunzelte.

Und Pater Florian sprach: "... denn die Sünde beschmutzt eure Seele und zerfrisst euren Leib! Und wenn ihr in Sünde seid, so tuet Buße! Und um Buße zu tun, opfert den stolzesten Hahn eures Hofes. Vermöget ihr aber keinen Hahn zu opfern, so opfert zwei Turteltauben. Vermögt ihr aber auch nicht zwei Turteltauben oder zwei andere Tauben zu geben, so bringt für eure Sünde ein zehntel Scheffel feinstes Mehl als Sündopfer dar. Ihr sollt aber kein Öl darauf gießen noch Weihrauch darauf tun; denn es ist ein Sündopfer.* Ja, um Gott nahe zu sein, muss man manchmal einen Schritt zurück tun, liebe Gemeinde."

Verdutzt sah Christl zu Pater Florian hinauf.

"Wer aber unrein wird und sich nicht entsündigen will, der soll ausgerottet werden aus der Gemeinde; denn er hat das Heiligtum des Herrn unrein gemacht.*"

Verstört stockte Christl der Atem. Sie erkannte Florian nicht wieder. Sein kalter Blick schweifte über die KirchgängerInnen und ruhte schließlich auf ihrem Gesicht.

"Und mag er auch eine Taube schonen, die andere Taube aber soll er als Brandopfer darbringen der Ordnung gemäß. So soll der Priester die Sühnung für ihn vollziehen wegen seiner Sünde, die er getan hat, und ihm wird vergeben.*"

Christl hörte den lautlosen Applaus der Menge, die an des Paters Lippen hing, doch ihre eigene Miene war wie versteinert.

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Rastlos trugen ihre Füße sie hinfort, mit dem einzigen Ziel, so weit weg von Pater Florian wie möglich zu gelangen. Die Einsamkeit des Waldes umschloss sie wie ein schwerer Mantel. Das Brummen der Insektenschwärme lag drückend in der Luft. Kaum ein Sonnenstrahl durchbrach das dichte Blätterdach und fiel auf den modernden Laubboden, in dessen Feuchtigkeit Christls nackte Füße tief versanken. Panflötenklänge. Christl atmete schwer im unglücksschwangeren Dickicht des Waldes. Der Geruch der Fäulnis strömte in ihre Lungen. Sie fühlte, wie eine Schlange an ihrem Knöchel vorbeizischte.

"Da bist du ja endlich!"

Erschrocken drehte sich Christl um. Die Alte schaute ihr tief in die Augen.

"Ist es endlich passiert." Es war keine Frage. "Nun hast du dünnes Eis betreten. Es wird nicht lange dauern, bis es im Dorf jeder weiß und was mit solch gefährlichen Liebschaften passiert... Die Leute im Ort mögen es nicht, wenn man ihre Moral in Frage stellt."

Christl wollte etwas erwidern, doch Übelkeit durchströmte ihren ganzen Körper. Woher wusste sie...?

"Die Heiligen sehen viel, wenn die Nacht lang ist", beantwortete Aloisia des Mädchens unausgesprochene Frage. "Komm mit, mein Kind," seufzte sie.

Wie aus dem Nichts tauchte das alte Hexenhaus hinter der nächsten großen Eiche auf. Christl war überrascht darüber, dass sie nicht darüber überrascht war, dass es in dem überraschend aufgetauchten Haus überraschenderweise nach Moos roch. Dunkel und düster leuchtete die Küche. Auf offener Flamme dampfte eine giftgrün schimmernde Brühe im gusseisernen Kessel.

"Setz dich, mein Kind."

"Ich heiße Christl", erwiderte Christl.

Verwirrt sah Aloisia sie an. Konnte das Kind so vergesslich sein?

"Trink das, mein Kind", sprach die Alte, während sie eine Schale von dem stechend riechenden Grog vor dem Mädchen auf den Tisch stellte. "Vorsicht, mit kleinen Schlucken - aber bis zum letzten austrinken!" meinte sie und sah Christl scharf-ernst an.

"Hör zu, mein Kind. Denn wir wollen ja nicht, dass aus dir ein Mariandl wird."

"Ich heiße Christl", erwiderte Christl.

Aloisia seufzte.

"Im Dorf gibt es mehr Geschichten als die, die sie offen am Hauptplatz erzählen. Warum glaubst du, ist Jakob der geworden, der er ist? Und der Bürgermeister hat auch einmal einen Sohn gehabt..."

Die Worte hallten laut in Christls Kopf wieder. Bilder des Harmonika spielenden Jakob mit seinem leeren Blick flackerten in ihr auf. Die beschwingten Klänge seiner Polka vermischten sich mit dem wirren Summen der Fliegen an Aloisias Fenster.

"Und alles nur wegen der Liebe eines Mädls zu einem mächtigen Mann."

zu einem mächtigen Mann... zu einem mächtigen Mann... dröhnte es unangenehm von der Alten herüber. Die Bilder verschwammen vor ihren Augen. "Bis zum letzten Tropfen", krächzte die Hexe und von Schluck zu Schluck wandelte sich das feurige Brennen mehr und mehr zu einer wohligen Wärme, die sie durch und durch durchströmte.

Aus dem düsteren Winkel der Küche drangen die feurigen Blicke der Heiligen. Der Altar erzitterte unter ihren heftigen Stößen. Vervollkommnung drang tief in ihr Innerstes ein. Gottes Licht war immer noch in ihr. Sie hörte das krächzende Kichern der Heiligen beim Herd. Die kleinen Marienkäfer winkten fröhlich von ihren schwankenden Gräsern herüber. Ein Hoppelhase sprang vergnügt auf der grünen Flur vor ihr her und sie fühlte den starken Arm von Florian an ihrer Seite. Sein von Intellekt gestählter Körper bot ihr alle Männlichkeit und Stärke, die sich eine Frau nur wünschen konnte. Sie drehte ihren Kopf, um ihn anzusehen und sah in die lachenden Augen des Bürgermeisters. Dieser sah sie fröhlich an und wandte dann seinen Blick den beiden Verliebten auf der Wiese zu. Jakob und des Bürgermeisters Sohn waren in ihr Liebesspiel vertieft, während Jakob dessen Harmonika die süßesten Klänge entlockte.

Der Hauptplatz bot gerade genügend Raum für ihre Phantasien. Hier konnten sie alles tun, was sie sich in ihren geheimsten Nächten erträumt hatten. Pater Florian hielt sie fest in seinen Armen und der kühle Steinboden war angenehm. Über ihr die Wolken und in ihr der heilige Mann. Gierig kostete sie von der Frucht seiner Lenden.

Da hörte Christl einfältige Schritte. Sie hob den Kopf und fühlte die strafenden Blicke der DorfbewohnerInnen auf ihrem lodernden Leib.

 

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