4. Kapitel
With the night there's a magic in the air that makes us come alive
Tonight's the night they can't put you down, no one could
I'm the King of the Mountain
I'm the King of the Hill
~ Bon Jovi: King of the Mountain


Christl war wenig zum Feiern zumute.

In den letzten Tagen und Nächten hatte sie ihren Dienst verrichtet wie es sich gehörte. Sie war höflich und folgsam gewesen und hatte geantwortet, wenn ihr eine Frage gestellt wurde. Den Anweisungen ihres Vaters war sie gefolgt wie immer und sie hatte die einfältigen Rufe der Mutter über sich ergehen lassen, ohne dass ihre Miene gezeigt hätte, wie lästig ihr all dies war. Sie war glücklich über jede Gelegenheit gewesen, wo sie die Gesellschaft ihrer Familie und Freunde meiden konnte - die anderen hatten nicht lange nachgefragt, als Christl ihren besonderen Gefallen daran zum Ausdruck brachte, den Stall alleine auszumisten.

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Doch nun war Pfingsten gekommen und die Einladung bei Pater Florian war eine der heiligen und profanen Pflichten, die dieser Feiertag mit sich brachte. Als der heilige Mann die Türe öffnete, entströmten Wärme und Licht der heimeligen Stube. Sein Gesicht war offen und freundlich und seine Augen leuchteten geheimnisvoll in ihrem satten Grün, als er Christls Vater die Hand drückte und ihrer Mutter beide Wangen küsste.

"Herzlich willkommen", begrüßte er die beiden. Seine Züge veränderten sich nicht, als er auch Christl ansah, doch schien es ihr, als wäre der Ausdruck in seinen Augen eine Spur härter als zuvor. Christl erschauerte, als die Wärme, die gerade noch nach ihrem Körper zu greifen schien, schlagartig in der kühlen Nacht verwehte.

Als sie den mit frischen Frühlingsblumen geschmückten Pfarrsaal betraten, sahen sie, dass sich schon der Großteil der Gäste eingefunden hatte. Der Abend verlief wie so manche Feier in dem kleinen Dorf heiter und friedlich. Es wurde gelacht und palavert, und die Stimmung stieg mit der Zahl der leeren Weinkrüge auf den Tischen. Niemand wunderte sich, als Jakob zu später Stunde seine Harmonika zur Hand nahm und eine beschwingte Polka anstimmte. Die jungen Leute begannen sofort zu tanzen und Jakob versank mit geschlossenen Augen in den wunderbaren Klängen, die er mit besonderer Leichtigkeit seinem Instrument entlockte. Seit der schrecklichen Tragödie damals hatte Jakob nie wieder ein Wort gesprochen. Sein Blick war stets leer und sein Ausdruck teilnahmslos. Die meisten versuchten gar nicht mehr, zu ihm vorzudringen. Doch in den wenigen Momenten, in denen Jakob ein Musikinstrument in die Hände bekam, schien etwas von dem unbeschwerten und lebensfrohen jungen Mann, der er einmal gewesen war, zurückzukehren und jeder im Dorf erkannte das musikalische Talent wieder, das Jakob schon in die Wiege gelegt worden war.

Gedankenverloren beobachtete Christl das Treiben. Sepp war Gott sei Dank nicht gekommen, was ihr einige unangenehme Blicke ersparte. Pater Florian ging von Tisch zu Tisch und erkundigte sich nach dem Befinden der Leute oder wünschte ihnen bloß ein frohes Pfingstfest. Christl wußte genau, daß er ihren Tisch auslassen würde, denn er erwiderte keinen ihrer Blicke - warum nur war er so kalt ihr gegenüber? Pater Florian hatte schon bei viel größeren Versündigungen der Dorfbewohner seine unendliche Milde gezeigt und hatte auch den größten Sünder, der voller Reue zu ihm gekommen war, mit seiner uneingeschränkten Herzlichkeit empfangen.

Entschlossen stand Christl auf und ging auf Pater Florian zu. „Grüß Gott, Herr Pfarrer", sagte sie mit überraschend fester Stimme und streckte ihm die Hand entgegen. „Ich wollt Ihnen nur danken für die Einladung heut."

Pater Florian blickte zu Boden und stieß ein leises „Vergelt's Gott" hervor, bevor er über Christl Schulter hinweg schon den Bürgermeister begrüßte.

Christl stand verdutzt da. Was war nur los mit Florian? Spürte er etwa nicht dieses verführerische Knistern, wenn sie nahe beieinander waren? In Christls Gedanken loderten die Bilder aus ihren Träumen auf. Sie sah sich mit Pater Florian in den Weinbergen, ihre nackten Leiber vereint im leidenschaftlichen Rythmus der Liebe. Und so unmöglich es auch war, jemals befriedigt in seinen Armen zu liegen, so hartnäckig hielten sich auch die Träumereien, die Christl in den letzten Wochen verfolgten.

Abrupt wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, als die alte Sonnhof-Bäuerin in den Raum stürzte. Sie schnaufte und rang hektisch nach Luft. „Der Bua! Helfts mir, der Bua!!"

Pater Florian eilte der Frau entgegen und stützte sie, als ihre Kräfte sie zu verlassen drohten.

"Der Bua is no net daham! Er woitat scho längst wieder do sein und der Sturm kommt über'd Südberge auf!"

Entsetzt blickten sich die Umstehenden an. Mit kühlem Kopf teilte Pater Florian Gruppen ein, die in alle Himmelsrichtungen ausschwärmten. Überrascht gab ihm Christl ihre Hand, als er die seine nach ihr ausstreckte und mit fester Stimme sagte: "Du kommst mit mir!"

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So liefen die beiden den Berg hinauf. Nur ab und zu blieb Pater Florian stehen, um nach dem Jungen zu rufen oder sich nach Christl umzusehen, die ihm mit sicherem Schritt folgte. Inzwischen war ein kalter Wind aufgekommen und die Bäume wurden vom heftigen Regen gepeitscht. Ein Blitz zuckte über den Nachthimmel und in diesem Moment wurden die Sorge und Entschlossenheit in Pater Florians Gesicht erleuchtet.

"Michl! Michl!" rief er immer wieder in den Wald, mit seiner festen Stimme unermüdlich gegen das Tosen und Donnern der Naturgewalten ankämpfend. Der Regen stürzte wie ein gigantischer Bach aus dem Himmel herab. Sein Hemd war schon derart durchnässt, dass es nur noch wie ein seidenes Blütenblatt an seiner wohlgeformten Brust festklebte.

"Hilfe! Hilfe!" wehte der Wind plötzlich die verzweifelten Rufe eines Kindes heran.

"Dort! Bei der Teufelsklamm!" rief Christl entsetzt aus. Ohne zu zögern stürmten die beiden Hand in Hand los. Rasch hatten sie die Schlucht erreicht, die in der ganzen Gegend gefürchtet war, aber besonders von den Kindern als gefährliche Mutprobe immer wieder bestiegen wurde.

Und wirklich: Michl kauerte auf einem Felsen einige Meter unterhalb des Abhangs, sich weinend und schreiend an eine Wurzel klammernd. Intuitiv setzte Christl an, die Klamm hinabzuklettern. Der Erdboden war durch das Unwetter feucht und schlüpfrig. Pater Florian riss sie zurück.

"Nein! Ich werde gehen!" sagte er bestimmt, während er sich seines Hemdes entledigte. Er riss es in zwei Hälften und band sich diese um seine Handflächen, damit er den zerfklüfteten Fels hinunterklettern konnte, ohne sich zu verletzen. Flink erreichte er den hilflosen Jungen, packte ihn fest und begann, den steilen Fels wieder hinauf zu steigen. Christl verfolgte angespannt jede seiner Bewegungen, als würde es um ihr eigenes Leben gehen, welches hier in der Teufelsklamm an einem seidenen Faden hing. Pater Florian kam schlecht voran, das Gewicht des Jungen lag schwer auf seinen Schultern, und als er bei einem schwierigen Schritt beinahe abrutschte, durchfuhr Christl ein nahezu unerträglicher Schauer der Angst.

"Gott sei mit mir!" hörte sie sein Stoßgebet. Hilflos beobachtete sie, wie er sich langsam an den rutschigen Felsvorsprüngen hochzog. Ein Leuchten durchzog den tiefschwarzen Himmel. Im selben Moment brachte ein gewaltiger Donner den Berg zum Erbeben. Der Blitz durchschlug eine alte Latsche, die sich direkt neben Pater Florian in den Fels krallte. Der Baum zerbarst und die glühenden Holzstücke fielen tief in die Teufelsklamm hinab. Christl schrie auf, doch Pater Florian kämpfte weiter. Der Junge, der sich an seinen muskulösen Rücken klammerte, hatte aufgehört zu weinen und hielt die Augen fest geschlossen. Mit letzter Kraft zog sich Pater Florian den Hang hinauf.

Endlich oben angekommen, setzte er den Buben ab und erst nachdem er sich versichert hatte, dass dieser unversehrt war, liess er sich erschöpft und außer Atem in den Morast fallen. Christl beobachtete seine zerkratzte Brust, die sich dreckverschmiert hob und senkte. Seine Hosen waren so zerrissen, dass sie deutlich seine sehnigen Beine erkennen konnte und als sich Pater Florian nach einer Weile endlich aufsetzte, war sie sicher, dass sein gieriger Blick den ihren spiegelte. Er erhob sich und plötzlich stand er so dicht vor ihr, dass sein heißer Atem den eisigen nassen Schleier durchbrach und seine Wärme sie von Kopf bis Fuß durchströmte. Er sah ihr in die Augen. Und da war nichts mehr auf dieser Welt außer seinem durchdringenden Blick und seiner Hand, welche eine nasse Strähne aus ihrem Gesicht strich. Sie beobachtete, wie ihre eigenen Finger sein kantiges Kinn entlangglitten.

"Gott sei's gedankt!" brach der nahe Ruf der Mutter den Bann. "Oh, mei Bua! Mei Bua!" schluchzte die Sonnhof-Bäuerin, als sie Michl wieder in ihre Arme schloss.


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