2. Kapitel
Oh glaub mir, es gibt keine Liebe!
- Alles Eigennutz, alles Egoismus!
- Ich liebe dich so wenig, wie du mich liebst.
~ Frank Wedekind: Frühlings Erwachen


Ihr stockte der Atem. Sie trat noch einen Schritt näher heran an den Spiegel, der bisher für sie so alltäglich und nutzlos gewesen war. Nie hatte sie sich so gesehen. Eine fremde Frau blickte Christl da entgegen. Das Kleid reichte genau bis unter ihre Knie und brachte ihre schönen Schenkel ganz besonders gut zur Geltung. Der Schnitt schmeichtelte ihren Hüften, die Taille wirkte schmal und ihr Busen lag wohlgeformt im weichen Stoff. Ein herrliches Arrangement von Hellrot und Enzianblau brachte ihre Augen zum Strahlen und die blütenweiße Bluse unterstrich die frische Frühlingsbräune ihrer Haut. Das Kleid von Resi passte wie angegossen.

Nie hätte sie gedacht, dass sie so schön sein konnte, so schön wie eines dieser Mädchen, die zur Sommerfrische aus der Stadt angereist kamen. Genauso wollte sie morgen aussehen. Das Haar einmal nicht wie sonst im Nacken gefesselt. Neckisch fiel ihr eine Locke ins Gesicht und sie sah ihr lächelndes Spiegelbild sie wieder zurückstreichen.

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Endlich war er da, der Maifeiertag, auf den sich auch der Griesgrämigste im Dorf noch jedes Jahr gefreut hatte. Die Bewohner von Schöneck zeigten sich heute in ihrer ganzen Pracht.

Moni schaute auf und die Blicke aller Burschen an ihrem Tisch folgenten dem ihren als Christl auf die Freunde zukam: "Griaß eich!"

"Do schau her - schaut's eich die Christl an" rief erstaunt die Freundin.

"Na schaun dattat ma eh - oba hilonga derf ma net!" Die Burschen kicherten, als Christl sich zu ihnen setzte. Unsicher bestellte sie saure Wurst. "Die Runde geht auf mich!" rief der Wiesnbauer Karl.

Schon knallte ein Tablett voller Stamperl auf den Tisch. "Wohl bekomm's!" rief die Kellnerin in die Menge, welche tosend einfiel. Den Nachmittag über wurde gezecht, gescherzt, geplaudert, getanzt, gezankt und gelacht. Christl war gleichzeitig berauscht und verunsichert von der neuen Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wurde. Niemals hätte sie gedacht, dass dieses Kleid an ihrem Leib und eine andere Frisur einen solchen Unterschied machen würden.

Der Bursche mit dem sie schon zum dritten Mal tanzte, machte ihr Komplimente und erheiterte sie unentwegt. Sie kannte ihn schon immer, doch heute schenkte Sepp ihr zum ersten Mal mehr als nur einen flüchtigen Blick. Das Gefühl, begehrt zu werden, löste eine nie da gewesene Sorglosigkeit in ihr aus. Ein Hauch von Freiheit umwehte sie, den sie so noch nie erfahren hatte.

Im Tanz schwirrte die Menge an ihr vorbei und als sie endlich wieder zu Atem kam, fand sie sich allein mit ihm in seiner Kammer. Von draußen schallte der schrille Gesang der Volksschulklasse zu ihnen hinauf.

I woaß net, soll i auffi,
Soll i obi, soll i auffi ...

Hungrig erwiderte sie seine Küsse. Seine Hände auf ihrem Körper lösten loderndes Verlangen in ihr aus. Mehr wollte sie wollte mehr. Ihr Kleid fiel zu Boden. Eilig zog auch er sein Hemd aus und mit tastenden Fingern erfühlte Christl seinen muskulösen Oberkörper.

Sie betrachtete ihn. In dem schräg einfallenden Licht sah sie, wie sich seine stählerne Brust mit jedem seiner schnellen Atemzüge hob und senkte. Sein Blick war verklärt von Leidenschaft.

Ihr Körper handelte. Wie ferngesteuer trat sie an ihn heran, bis sie ganz dicht vor ihm stand. Langsam und genüsslich strich er ihr die letzten Hüllen vom Leib und da stand sie nun vor ihm - begehrenswert wie eine frisch gepflückte Walderdbeere. Seine schönen Augen verließen nie die ihren. Sie spürte seine starke Brust an ihrem Busen. Selbst wenn sie hätte klar denken können, ihr Fleisch war willenlos in seinen Armen.

Wortlos zog er sie zu Boden und sie spürte seinen kräftigen Leib über sich.

... oder soll i in Mittelweg giahn,
In Mittelweg giahn, bei der Nacht?

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