1. Kapitel
Die Liebe ist ein magischer Lichtstrahl,
der aus den Tiefen des Gefühls hervorbricht und sein ganzes Umfeld erhellt;
auf diese Weise erlebt man die Welt als einen Reigen,
der durch grüne Wiesen zieht, und das Leben als einen schönen Traum,
den man zwischen zwei Phasen der Schlaflosigkeit träumt.
~ Khalil Gibran: Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr


Er strich ihr mit unruhiger Hand die Locke aus dem Gesicht. Ihr Körper fügte sich, als er sie an sich heranzog. Die Herbstsonne. Kirchenglocken hatten gerade zum Mittag geläutet, als die prallrot gefüllten Trauben ihren kürzesten Schatten warfen. Die zwei ungeduldigen Körper standen nahe aneinander gepresst und sie beide fühlten sich so sicher verborgen inzwischen der wilden Weinreben. Endlich berührten seine sanften Lippen die ihren. Und dieser so neue Kontakt löste unsterbliches Verlangen in ihr aus. Sie fühlte, dass diese Verbindung für sie mehr bedeutete als alles, was sie bisher erfahren hatte. Sie löste ihre Lippen von den seinen und suchend fand sie seinen lodernden Blick. Sie erschrak.

Keuchend erwachte sie. Sie fand ihr karges Zimmer im Mondlicht erleuchtet, das in dieser Nacht besonders hell durch ihr kleines Fenster fiel. Was hatte sie geträumt? Kaum noch konnte sie sich an diesen fremden Körper, diese Augen erinnern, die doch gerade noch so ihr Innerstes berührt hatten. Hatte dieses fremde Gesicht nicht bekannte Züge?

Polternd wurde die Tür ihrer Kammer aufgestoßen. "Aufstehn, Zeit is! Auf dich werd'ns net wartn!", rief die Mutter in den Raum.

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"...und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen." Was sollten diese Worte eigentlich bedeuten, fragte sie sich zum ersten Mal. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf erschien auch der ganze restliche Gottesdienst inhaltslos und leer. Wie immer saß ihre Familie aufgefädelt auf der langen Kirchenbank neben ihr. All ihre Verwandten verhielten sich wie sonst auch, alles war wie es sein sollte. Ihr Bruder stieß sie in die Seite, weil er die Zeile im Liederbuch nicht fand, ihre Tante neben ihr sah demutsvoll zu Boden, ihr Onkel daneben hinauf zum Bildnis des Heiligen Vaters.

Wieder spürte sie die Sicherheit des jungen Pfarrers, der erst seit ein paar Wochen an dieser Kanzel stand. So wenig Zeit war verstrichen, seit er hier seine neue Heimat fand und schon hatte er die Gemeinde mit seiner sympathischen Art in seinen Bann gezogen. Und sie konnte nicht leugnen, dass er ihr mit seiner natürlichen Wesensart auch schon aufgefallen war. Doch wie konnte ein Mensch, der ihres Alters war, schon all die Mühsal und Schwere dessen empfinden, was diese einfachen Worte ausdrückten?

Fühlte er eigentlich was er da sprach? Seine brünetten Haare verrieten etwas anderes. Verstört versuchte Christl seinen Blick zu fangen. Etwas Vertrautes lag darin. Und mit einem Mal wurde es ihr klar. Er war es! Von ihm hatte sie geträumt! Seine verlangenden Hände hatte sie auf ihrem Körper gespürt.

Die Messe erschien ihr eine Ewigkeit zu dauern. Wie gebannt war ihr Blick an sein Gesicht gefesselt und kein Wort des Gottesdienstes blieb mehr in ihrem Gedächtnis. Sie erkannte erst, dass die Zeit vorbei war, als ihr Vater sie zum Aufstehen drängte. Und erlösend strömte endlich die Gemeinde zum Ausgang hin und ihre Famillie mit ihr.

Endlich im Freien, und doch war ihr schwindlig und die Sonne blendete sie unangenehm. Grell. Die Familie verlor sich in der Menge. Um sie herum schwatzend laute Stimmen. Der Geruch des Flieders lag schwer, fast unerträglich, in der Luft. Weg nur, dachte sie dachte, nur weg. Taumelnd fand sie einen Weg zwischen den Menschen hindurch. Jetzt nur allein sein und über alles nachdenken können! Die Richtung war schon eingeschlagen, als eine Hand, ihren Arm fassend, die Flucht bremste.

"Christl!" rief eine vertraute Stimme, "Wart doch!" Zurückgerissen wandte sie sich um. Moni war es, die sie schon so lange kannte. Wie selbstverständlich hakte sie sich bei Christl ein und zog sie mit sich. "Wos host'n?" fragte sie elfengleich besorgt die Freundin. Christl kam gar nicht dazu, zu antworten, da plauderte Moni schon unbeschwert weiter: "Hast gseh'n wie er mich angschaut hat während der Mess'?"

Angschaut? Christl sah verdutzt auf. "Wer?" fragte sie überrascht.

"Na der Oberreiter Michl!" Ihre Augen glitzerten hübsch in dem jungen, rotbäckigen Gesicht, sie schien innerlich zu brennen.

Dessen ungeachtet schob Christl sie mit einer schnellen Handbewegung fort. "Na", sprach sie, während sie atemlos davonzukommen suchte. Nach ein paar schnellen Schritten musste sie sich doch noch einmal zur Freundin umwenden. "Nix für unguat'!" hauchte sie. Eilig fand sie den Weg in die Weinberge.

Hinauf, nur hinauf drängte es sie. Und erst als sie ganz oben war und es keinen Meter mehr weiterging, fand sie Rast. Ihr Atem beruhigte sich nur langsam. Unruhig ließ sie den Blick über den Horizont schweifen. "Wos nur?", was war geschehen? Es war doch nur ein dummer Traum gewesen. Sie fühlte sich gefesselt, doch schienen ihre Gedanken frei wie nie zuvor. Brennend fühlte sie immer noch seine Lippen auf den ihren, seine Hände verließen ihren Busen nicht. Seufzend ließ sie sich ins Gras sinken und sinnend schloss sie ihre Augen.

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Die Sonne war schon fast untergegangen, als Christl endlich den elterlichen Hof erreichte. Sie fühlte sich so müde als hätte sie den ganzen Tag im Heu gearbeitet, ihr Gewissen wog schwer und das Sonntagsessen hatte sie auch verpasst. Schwermütig drückte sie die gußeiserne Klinke zur Stube hinab, als die Tür plötzlich von innen aufgerissen wurde. Ihr stockte der Atem, als er plötzlich so dicht vor ihr stand wie in ihrer letzten Nacht.

"Grüß Gott, Christina", sagte er und sie fühlte sanft seinen Atem an ihrer Wange. Langsam wich er einen Schritt zurück.

"Wo woarst denn, Christl? Der Herr Pfarrer warat do", schallte der Ruf ihrer Mutter wie durch einen Schleier.

"Ich wollt euch einladen", meinte er in seiner ruhigen, natürlichen Art.

"Ins Pfarrhaus, Christl, zu Pfingsten!" rief die Mutter erneut, sichtbar erfreut über den hohen Besuch.

"Vielleicht magst auch kommen", hörte sie seine tiefe Stimme fragen und alles drehte sich, als sein Blick zum ersten Mal den ihren fand. Für einen kurzen Moment erschien es ihr, als würde diese Verbindung ewig dauern.

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